22.10.26
Was hinter dem Deal zwischen asmodee und ATM Gaming steckt
Mit der Übernahme von ATM Gaming verstärkt asmodee seine Position im boomenden Segment der Social Games. Für den Spielekonzern ist die Akquisition ein wichtiger strategischer Schritt, während sich für ATM Gaming neue Möglichkeiten bei Internationalisierung und Wachstum eröffnen. Im Gespräch mit das spielzeug erläutern asmodee Deutschland-Geschäftsführer Udo Fischer und ATM-Geschäftsführer Felix Weise die Hintergründe der Übernahme, ihre gemeinsamen Ziele und was Handel und Verbraucher künftig erwarten können.
Was war aus Ihrer jeweiligen Sicht der ausschlaggebende Grund für diese Übernahme? Warum passt asmodee zu ATM Gaming und umgekehrt?
Felix Weise: ATM Gaming wurde 2018 in Frankreich gegründet und damit haben beide Organisationen französische Wurzeln. Außerhalb Deutschlands gibt es außerdem seit Jahren gewachsene Geschäftsbeziehungen – so liegt die Distribution der ATM Gaming Spiele beispielsweise in Spanien und Italien von Beginn an bei asmodee. Unser rasantes Wachstum der letzten Jahre wurde also schon länger von asmodee direkt begleitet. Da liegt die Überlegung und Überzeugung von weiteren gemeinsamen Potenzialen sehr nahe. Für Deutschland gesprochen verbindet uns darüber hinaus kulturell sehr viel. Ich habe Udo und sein Team von Anfang an als sehr innovativ, motiviert und unternehmerisch kennengelernt – das sind Werte die wir als ATM Gaming Team hundertprozentig teilen.
Udo Fischer: Das möchte ich so gerne zurückgeben, es war die berühmte „Liebe auf den ersten Blick” (lacht). Aus einem kurzen Messetermin wurde ein mehrstündiges Gespräch – es hat einfach gefunkt und wir wussten beide, das passt und wir wollen mehr zusammen machen. Im nächsten Schritt haben wir dann das gesamte ATM-Team zu unserem jährlich stattfindenden Boardgame Fest eingeladen, wo alle unsere Mitarbeiter einen ganzen Tag miteinander spielen und auch da ist der Funke sofort übergesprungen. Felix beschreibt aber einen für mich ganz entscheidenden Punkt: Wir lernen ATM Gaming nicht erst seit der Übernahme kennen. Wir konnten die Entwicklung des Unternehmens in verschiedenen Märkten über Jahre beobachten und haben gesehen, mit welcher Geschwindigkeit und Konsequenz das Team seine Spiele und Marken entwickelt. Für asmodee ist ATM Gaming deshalb eine sehr logische Ergänzung. Wir sehen ein starkes Wachstum bei Menschen, die Spiele vor allem als soziales Erlebnis verstehen – als Teil gemeinsamer Zeit mit Freunden oder Familie und nicht zwingend als klassisches Hobby. ATM Gaming versteht diese Zielgruppe ausgesprochen gut. Gleichzeitig können wir etwas einbringen, das für die nächste Entwicklungsstufe wichtig ist: unsere internationale Präsenz, Marktkenntnis und Vertriebsstärke. Das Entscheidende ist für mich deshalb die Komplementarität: ATM Gaming bringt Unternehmergeist, Geschwindigkeit und ein hervorragendes Gespür für Social Games mit, asmodee ist bereits lange etabliert, bringt langjährig gewachsene Erfahrung ein und kann diesen Erfolg so international verstärken.
Social Games gelten als das derzeit dynamischste Segment im Brettspielmarkt. Welche Entwicklungen beobachten Sie und warum wächst diese Kategorie aus Ihrer Sicht so stark?
Felix Weise: Wir leben in sehr schnelllebigen Zeiten. Die Menschen hatten nie mehr unterschiedliche Unterhaltungsangebote wie heute. Folgerichtig ist die Zeit eine immer wertvollere Ressource. Gleichzeitig steigt der Wunsch, sich freizumachen von Smartphone und sonstigen Displays und wieder echte gemeinsame Zeit zu erleben – ob mit Freunden oder der Familie. Das ist mein Reim auf den Erfolg von „Social Games“ – gute Unterhaltung, ohne Bildschirm, ohne großes Studium von Anleitungen und mit der Möglichkeit, nach 20-30 Minuten wieder einer anderen Aktivität nachzugehen.
Udo Fischer: Aus der Perspektive von asmodee sehen wir darin gleichzeitig eine große Chance für den gesamten Spielemarkt. Social Games erreichen Menschen, die sich selbst vielleicht gar nicht als Brettspielerinnen oder Brettspieler bezeichnen würden. Wir beobachten schon länger, dass gerade die Zielgruppen wachsen, die Spielen als Teil ihrer gemeinsamen Freizeit verstehen. Dafür braucht es niedrige Einstiegshürden und ein Spielerlebnis, das sehr schnell funktioniert. Zugängliche Spiele wie Dobble zeigen dieses Prinzip schon lange – Social Games entwickeln es für eine neue Generation und neue Situationen konsequent weiter. Und das ist letztlich genau das, was uns bei asmodee antreibt: mehr Menschen für das gemeinsame Spielen zu begeistern. Dass ATM Gaming jetzt Teil unserer Gruppe ist, zeigt deshalb auch, welches langfristige Potenzial wir in diesem Segment sehen.
Was macht Spiele wie „Quick Stop“ oder „Pili Pili“ erfolgreich und wie lässt sich dieses Erfolgsrezept künftig gemeinsam weiterentwickeln?
Felix Weise: Die Spiele vereinen aus meiner Sicht genau den Kern von „Social Games“ – schnell erklärt, bringen super viel Spaß und sind in den verschiedensten Konstellationen schön spielbar. Uns ist es in den letzten zwei bis drei Jahren gelungen, diese Spiele in Kontinentaleuropa zu sehr beliebten Bestsellern zu entwickeln. asmodee gibt uns jetzt die Möglichkeit zu einem weltweiten Rollout. Außerdem profitieren wir natürlich stark vom Studio-Netz innerhalb von asmodee, wo ganz viel kreative Power zusammenkommt.
Udo Fischer: Und genau da ist die Rollenverteilung eigentlich sehr schön beschrieben. Unsere Aufgabe ist nicht, ATM Gaming zu erklären, wie man erfolgreiche Social Games entwickelt. Das Team hat bewiesen, dass es dafür ein ausgesprochen gutes Gespür besitzt.
Was wir beitragen können, ist ein Umfeld, in dem aus einem starken regionalen oder europäischen Erfolg eine globale Erfolgsgeschichte werden kann. Dazu gehören unsere Vertriebsgesellschaften und unsere Marktkenntnis, aber eben auch der Austausch innerhalb unseres Netzwerks aus Studios und kreativen Teams. Ich halte diesen Austausch für besonders spannend. Denn wir wollen die unterschiedlichen kreativen Handschriften innerhalb von asmodee nicht vereinheitlichen. Im Gegenteil: Gerade aus dieser Vielfalt können neue Ideen entstehen.
Was bedeutet die Übernahme konkret für den Spielwarenfachhandel? Womit können Händler in den kommenden Jahren rechnen?
Udo Fischer: Für den Handel bedeutet sie zunächst, dass wir unser Angebot in einer Kategorie stärken, die sehr dynamisch wächst und gleichzeitig neue Zielgruppen an den Spieltisch bringt. Das ist auch für den Fachhandel interessant, denn Social Games sind zugänglich, gut zu empfehlen und bieten viele Anlässe für Impulskäufe und Beratung.
Darüber hinaus kann ATM Gaming künftig stärker von unseren bestehenden Strukturen und unserer engen Zusammenarbeit mit dem Handel profitieren. Der stationäre Handel ist für uns ausdrücklich nicht nur ein Vertriebskanal. Er ist ein Ort, an dem Spiele entdeckt, erklärt und ausprobiert werden und an dem Community entsteht.
Deshalb wollen wir unsere Stärken zusammenbringen: spannende, zeitgemäße Produkte von ATM Gaming und die Handels- und Vertriebsstärke von asmodee. Händler können also mit einem wachsenden und gleichzeitig sehr klar positionierten Social-Games-Angebot rechnen.
Wie wichtig war die kreative Eigenständigkeit von ATM Gaming und wie viel Eigenständigkeit wird das Unternehmen künftig haben?
Felix Weise: Natürlich war und ist es uns als ATM Gaming Team wichtig, unseren Weg bestehend aus kreativer Spieleentwicklung und digitalen Marketingansätzen konsequent weiterzugehen. Wir haben in den letzten Monaten immer wieder festgestellt, dass es auch Unterschiede gibt, wie wir operativ unterwegs sind. Wir als ATM Team haben ein kleines Portfolio, einen hohen Fokus auf digitale Vermarktung und ticken in vielen Bereichen nicht wie ein klassischer Spieleverlag. Wir profitieren natürlich extrem von den Möglichkeiten, die uns asmodee als etablierter Player im Markt bietet. Sei es durch die Teilnahme am asmodee Händlertag, durch die Präsenz bei Branchenevents abseits von Spielwarenmesse und SPIEL oder auch mit Rat und Tat in administrativen Fragestellungen. Gleichzeitig teilen wir gerne unser Knowhow im Bereich Social Media und Digital Marketing und wollen gemeinsam ein starkes Portfolio an Social Games dem Markt präsentieren.
Udo Fischer: Für uns liegt ein wesentlicher Wert von ATM Gaming gerade in der eigenen unternehmerischen und kreativen Handschrift. Diese Eigenständigkeit und Dynamik wollen wir ganz bewusst bewahren und gleichzeitig mit den Möglichkeiten verbinden, die unser internationales Netzwerk bietet.
Unser Modell bei asmodee basiert darauf, kreative Eigenständigkeit mit den Stärken einer internationalen Gruppe zu verbinden. Wir verstehen uns dabei als Ermöglicher: Wir können Strukturen, Reichweite, Know-how und Zugang zu Märkten bereitstellen und damit die Voraussetzungen schaffen, damit erfolgreiche Teams ihren eigenen Weg konsequent weitergehen können.
Und das Lernen funktioniert in beide Richtungen bereits sehr gut und findet schon fortlaufend statt. ATM Gaming kann von unserer Erfahrung und unseren Strukturen profitieren, während uns das Team mit seiner hohen Geschwindigkeit, seinem starken digitalen Marketingverständnis und seiner besonderen Nähe zur Social-Games-Zielgruppe neue Impulse gibt. Genau diese unterschiedlichen Stärken machen die Zusammenarbeit für beide Seiten so wertvoll.
Wo sehen Sie die größten Synergien – in der Produktentwicklung, im Vertrieb oder bei der internationalen Expansion?
Felix Weise: Aus meiner Sicht liegt das größte Potential im Vertrieb und in der internationalen Expansion. Ich sage bewusst Potential und nicht Synergien, weil dieser Übernahme ein klarer Wachstumsanspruch zu Grunde liegt. Wir sind auf dem besten Wege, der
weltweit führende Verlag im Bereich „Social Games“ zu werden und das ist auch der Anspruch, den wir in den nächsten Jahren verfolgen werden.
Udo Fischer: Den Begriff „Potential“ finde ich an dieser Stelle ebenfalls treffender. Bei Synergien denkt man schnell an Konsolidierung und Effizienz. Darum geht es hier aber nicht in erster Linie. Es geht um das Bereitstellen eines optimalen Umfeldes für weiteres Wachstum.
ATM Gaming hat bewiesen, dass das Unternehmen erfolgreiche Social Games entwickeln und in verschiedenen europäischen Märkten etablieren kann. asmodee verfügt über die internationale Infrastruktur und die lokale Marktkenntnis, um diesen Produkten in vielen weiteren Ländern Türen zu öffnen.
Genau darin sehe ich das größte gemeinsame Potential: Wir verbinden ein sehr agiles, fokussiertes Unternehmen mit einem internationalen Netzwerk, ohne dabei die Geschwindigkeit und Kreativität dieses Unternehmens zu verlieren. Wenn uns das gelingt, entsteht deutlich mehr als die Summe unserer jeweiligen Stärken.
Welche konkreten Ziele verfolgen Sie gemeinsam in den nächsten drei bis fünf Jahren?
Udo Fischer: Der Anspruch, den Felix gerade formuliert hat, ist ambitioniert – und genau deshalb so spannend. Wir wollen ATM Gaming dabei unterstützen, seine starke Position im Bereich Social Games international konsequent auszubauen.
Das bedeutet einerseits, erfolgreiche Titel in deutlich mehr Märkte zu bringen. Andererseits müssen weiterhin neue Spiele entstehen, die genau das Gespür für Zielgruppen und Situationen zeigen, das ATM Gaming heute auszeichnet.
Für mich ist dabei wichtig, Wachstum nicht ausschließlich in Umsatz oder Marktanteilen zu denken. Erfolg bedeutet auch, neue Menschen für das Spielen zu gewinnen. Gerade Social Games erreichen Menschen, die bislang vielleicht nur gelegentlich oder überhaupt nicht gespielt haben. Wenn wir diese Zielgruppe dauerhaft für gemeinsames Spielen begeistern können, schaffen wir nicht nur Wachstum für ATM Gaming und asmodee, sondern vergrößern letztlich den gesamten Markt.
Welche Möglichkeiten eröffnet das internationale Netzwerk von asmodee und welche neuen Impulse bringt ATM Gaming in den Konzern ein?
Udo Fischer: Für mich bringt ATM Gaming vor allem Unternehmergeist, Geschwindigkeit und eine ausgesprochen digitale Perspektive mit. Das Unternehmen versteht sehr gut, wie eine jüngere Generation Spiele entdeckt, wie über Produkte gesprochen wird und wie aus digitaler Aufmerksamkeit echte Begeisterung für ein analoges Produkt entstehen kann.
Das ist auch für uns ausgesprochen wertvoll. Größe und Erfahrung sind große Stärken, dürfen aber nie dazu führen, dass ein Unternehmen langsamer darin wird, neue Entwicklungen wahrzunehmen.
Ich denke, das ist eine der entscheidenden Stärken unseres Ansatzes: Wir wollen nicht, dass alle Teile von asmodee gleich werden. Unsere Stärke entsteht aus unterschiedlichen Studios, Unternehmen, Menschen und Perspektiven, die voneinander lernen. ATM Gaming erweitert dieses Netzwerk um eine Kompetenz und eine Zielgruppenperspektive, die für die Zukunft unseres Marktes sehr relevant sind.
Welche Erwartungen sind mit dieser Investition verbunden und woran werden Sie den Erfolg der Übernahme messen?
Udo Fischer: Natürlich verbinden wir mit einer solchen Investition klare wirtschaftliche Erwartungen. Wir sind vom Wachstumspotenzial von ATM Gaming und vom Social-Games-Segment überzeugt und wollen gemeinsam zusätzliche Märkte erschließen.
Ich würde Erfolg aber nicht nur an einer einzelnen finanziellen Kennzahl festmachen. Entscheidend ist für mich auch die Frage: Schaffen wir es, Felix und sein Team und ATM Gaming auch international deutlich größer zu machen und gleichzeitig genau die Eigenschaften zu bewahren, die das Unternehmen heute erfolgreich machen?
Wenn in einigen Jahren deutlich mehr Menschen in deutlich mehr Ländern Spiele von ATM Gaming spielen, weiterhin erfolgreiche neue Titel entstehen und das Team seine Geschwindigkeit, Kreativität und unternehmerische Kultur behalten hat, dann haben wir gemeinsam sehr viel richtig gemacht und auf diese gemeinsame Arbeit mit den neuen Kolleginnen und Kollegen freue ich mich schon sehr.
Welche Trends werden den Brettspielmarkt in den kommenden Jahren prägen und welche Rolle möchten asmodee und ATM Gaming dabei spielen?
Udo Fischer: Ich glaube, eine der spannendsten Entwicklungen ist, dass sich der Kreis der Spielenden weiter vergrößert. Auf der einen Seite haben wir eine sehr engagierte Hobby-Community, die unserem Markt Tiefe, Kontinuität und enorme kreative Energie gibt. Gleichzeitig kommen immer mehr Menschen hinzu, für die Spielen ganz selbstverständlich Teil ihrer Freizeit und ihres sozialen Lebens ist.
Dadurch werden Zugänglichkeit, kurze Einstiegshürden und das gemeinsame Erlebnis weiter an Bedeutung gewinnen. Social Games sind ein besonders sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung.
Gleichzeitig wachsen Spiele immer stärker über den klassischen Spieltisch hinaus. Marken wie Exploding Kittens oder Werwölfe zeigen beispielsweise mit ihren Netflix-Adaptionen, welche Reichweite Spiele inzwischen auch in anderen Entertainment-Welten entwickeln können. Solche Entwicklungen bringen wiederum neue Menschen mit dem Medium Spiel in Kontakt.
Unsere Ambition bei asmodee ist dabei sehr einfach: Wir wollen, dass noch mehr Menschen noch mehr Spiele noch öfter spielen. ATM Gaming ergänzt uns auf diesem Weg hervorragend, weil das Unternehmen eine Zielgruppe erreicht und versteht, die für die Zukunft des Marktes ausgesprochen wichtig ist.
Und letztlich ist genau das „Inspired by Players”: Wir wollen den Menschen nicht vorgeben, wie sie spielen sollen. Wir lassen uns davon inspirieren, wie, wann und mit wem Menschen heute spielen wollen, und entwickeln daraus die Spielerlebnisse von morgen.



