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01.11.13

Geglückter Neuanfang

Das traditionsreiche Spielzeug-Ring-Fachgeschäft «Ravenstein» im rheinischen Kerpen ist ein positives Beispiel dafür, wie man trotz Insolvenz aus eigener Kraft noch einmal ganz von vorne anfangen kann. Wir waren vor Ort, um uns selbst davon zu überzeugen, wie das neue Handelskonzept ankommt:

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An den Januar 2009 denkt Horst-Daniel Ravenstein nicht gerne zurück. Bedingt durch die Wirtschaftskrise und massive Umsatzeinbrüche im Weihnachtsgeschäft des Vorjahres musste er mit drei Läden und 30 Mitarbeitern in die Insolvenz gehen. Von der Bank gab es keine Mittel mehr, doch eine völlige Aufgabe kam für ihn nicht in Frage. Bereits vier Monate später folgte der Neubeginn – allerdings unter ungewohnter Rollenverteilung. Situationsbedingt agiert nun Gattin Birgitt als Geschäftsführerin, die zuvor jahrelang bei ihrem Mann angestellt war. Überhaupt möglich wurde alles erst durch die Hilfe von privaten Investoren und der Unterstützung des Verbandes, dem Spielzeug-Ring unter dem Dach der Vedes. «Zudem hat uns der Insolvenzverwalter einen der alten Standorte für den Neustart gewährt», fügt Horst-Daniel Ravenstein hinzu.

Mit dem frischen Konzept nutzt man die eigene 43-jährige Branchenerfahrung und die Synergien der bisherigen Geschäfte. im Ladenlokal des früheren Elternhauses, das sich in der Innenstadt von Kerpen nahe der historischen Stiftskirche befindet, wurden Lederwaren und Schreibwaren geführt. Seit 1994 existierte der große Spielwarenfachmarkt im benachbarten Sinndorf und im November 2004 kam gleich neben dem Traditionsunternehmen ein Spielwarengeschäft dazu.


Stark im Schulbereich

Hier wird heute auf 350 m2 das Motto «Spielen – Schreiben – Schule – Schenken» regelrecht gelebt. Denn es findet sich in der Ladengestaltung wieder, auf die Familie Ravenstein großen Wert legt. Übersichtlich strukturiert, sind die Sortimente entweder nach Altersgruppen oder geschlechtlich getrennt. Dabei hebt sich ein Bereich besonders hervor: Erst im August wurde die Schulwand komplett neu gestaltet, die mit Heften, Ordnern, Schreibutensilien, Federmäppchen und Farbkästen bestückt ist. Einen Umsatzanteil von 40% nehmen die Schulartikel ein, wobei der Ertrag höher ist als bei der stärker vertretenen Spielware. «Die Spanne im PBS-Bereich ist erfreulich – hier muss sich die Spielwaren-Industrie etwas einfallen lassen», sagt Birgitt Ravenstein. Ebenso kritisch steht sie dem zunehmenden «Showrooming» gegenüber, das vor allem im Segment der Büchertaschen herrscht, die vom Grundschulalter bis in die Abiturklassen angeboten werden. Die Kunden lassen sich ausführlich beraten, um im Internet ihren Einkauf zu tätigen. Mit Ranzen-Aktionen von Januar bis März kämpft man tapfer dagegen an und erzielt einen positiven Nebeneffekt: Oft wird gleich zum restlichen Schulbedarf gegriffen.

«Das oberste Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen wieder in die Spielwarengeschäfte zu bringen», weiß Horst-Daniel Ravenstein. Als langjähriger Vorstand im Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels (BVS) setzt er sich aktiv für die Belange des Mittelstandes ein, den er durch die zunehmende Präsenz von Amazon und Co. gefährdet sieht. Die Ravensteins selbst zeigen sich mit dem Verlauf des ersten Halbjahrs unzufrieden – es habe eine «regelrechte Lähmung» im Handel stattgefunden. Seit den Sommerferien sei aber eine Besserung eingetreten. Diese Erfahrung könnten auch die Kollegen der Erfa-Gruppe «Spielzeug-Ring West» bestätigen, mit denen man im regelmäßigen Austausch steht, «um einfach nicht betriebsblind zu werden». Ein Patentrezept für den Geschäftserfolg gibt es nach Meinung der engagierten Fachhändler jedoch nicht: Jeder müsse sich individuell auf seinen Standort einstellen. Und auch auf seine Mitbewerber: «Ravenstein» hat im Umkreis von 15 km Toys ‘R‘ Us, Müller, Mytoys.de und Baby One.

«Irgendwann werden die großen Geschäfte die Hersteller diktieren.»

Die sechs Mitarbeiter setzen deshalb auf viel Persönlichkeit und haben sich auf ein Konzept eingestellt, das die ganze Familie ansprechen soll. Bereits im Eingangsbereich kommen Postkarten-Suchende, Schleich-Fans und Mädchen auf ihre Kosten. Letztere erwartet in der Girls-Ecke u.a. «Top Model»- und «Monster High»-Artikel sowie Schmuck. Ebenfalls trendorientiert ist das Lizenzangebot, das sich von «Filly» über «Hello Kitty» bis hin zu den Coppenrath-Produkten erstreckt. Darüber hinaus finden Anhänger des 1. FC Köln fast alles, was das Herz begehrt – von der Brotboxübers Federmäppchen bis hin zum Würfelbecher. Erwähnenswert sind auch die zahlreichen Schütten mit Kleinartikeln und originellen Süßigkeiten für Kindergeburtstage. Apropos: Hinter der großen Theke stapeln sich die Geburtstagskisten – ein lukratives Zusatzgeschäft, mit dem man durchaus den einen oder anderen Neukunden gewinnen kann.

Die Kisten lassen sich mit Schreib- und Spielwaren bestücken, wobei wechselnde Sortimente an der Tagesordnung stehen. «Wir sind immer im Umbruch», betont Horst-Daniel Ravenstein und weist auf das flexible Ladenbausystem hin. Beispielsweise wird in der Vorweihnachtszeit aus den drei Gondeln mit Sommerspielwaren ruckzuck eine mit Adventskalendern und weihnachtlichen Accessoires. Einen weiteren Blickfang bildet derzeit das «Moon Ville»-Podest in der Mitte des Ladens, in dem das neue Halloween-Thema von Nici anschaulich präsentiert wird. Überhaupt gibt es eine gewisse Auswahl an Plüschfiguren, aber auch an Puppen. Junge Eltern freuen sich über das Baby- und Kleinkindsortiment, das u.a. Markenartikel von Ravensburger, Sterntaler, Fisher-Price und Lilliputiens bereithält. Und auch ein gut sortierter Bücher- und Spielebereich fehlen nicht – hier sollen im nächsten Jahr die neuen Shopkonzepte der Vedes greifen. Im hinteren Bereich gibt es schließlich noch eine Kreativ-Ecke samt Plastikmodellbau, außerdem sind dort die riesigen Lego- und Playmobil-Packungen untergebracht.


Gemeinsam an einem Strang

An den großen Marken kommt man nach Aussage der Ravensteins nicht vorbei. Ein Hersteller sorgt momentan für besonderen Gesprächsstoff: Mattel. Zu seiner neuen Vertriebsstrategie äußerst sich Birgitt Ravenstein wie folgt: «Für kleinere Geschäfte ist es schlecht, dass die Kundenbetreuung komplett gestrichen wird.» Dabei geht es ihr eher um die Pflege des Sortiments als um reine Ordertätigkeiten. Auch die Spielwarenmesse würde, trotz hohem Kostenaufwand, zur Kontaktpflege und Informationsbeschaffung beitragen. «Aber leider kommt man bei vielen Herstellern gar nicht erst an den Stand», bedauert die Händlerin und sieht voraus: «Irgendwann werden die Großen die Industrie diktieren.» Handel und Industrie müssten in den nächsten Jahren endlich an einem Strang ziehen. Sonst bestehe die Gefahr, dass man den Handel als Distributionsstelle verliert, was auch der Industrie schaden würde.

Was die Eltern von vier Jungs ebenfalls anprangern, sind die veränderten Umgangsformen vieler Kunden in ihrem Geschäft. Vor allem junge Mütter würden sich selbst beim Bezahlvorgang vom Mobiltelefon ablenken lassen. «Auch die Gesellschaft muss daran arbeiten, dass bestimmte Werte wieder gefördert werden», findet Horst-Daniel Ravenstein, für den der Kunde nach wie vor König ist. Neben diversen Serviceleistungen tragen regelmäßige Veranstaltungen zur gemeinsamen Bindung bei. Anfang November ist der nächste verkaufsoffene Sonntag – insgesamt gibt es drei pro Jahr – immer zum Stadtfest, während des Trödelmarktes und zur Adventszeit. Aufgrund der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des gebürtigen Kerpeners Adolph Kolping kommt im Dezember ein weiterer hinzu. Mit Anzeigen macht man auf diese besonderen Öffnungszeiten aufmerksam. Zu saisonalen Höhepunkten kommen auch die Vedes-Werbung sowie Schul- und Karnevalsflyer zum Einsatz. Dass sich Eigeninitiative auszahlt, haben die Ravensteins in den letzten Monaten eindrucksvoll bewiesen. Sie sind ein positives Beispiel dafür, dass man mit viel Herzblut für die Branche und dem richtigen Händchen doch an seiner Existenz festhalten kann.