05.10.26 – Interview mit Florian N. Lipp, Craze Group
„Marken brauchen Emotion, Charaktere und Geschichten.“
Die Craze Group hat sich in den vergangenen Jahren zu einem international erfolgreichen Markenunternehmen entwickelt. Mit Aktivitäten in den Bereichen Spielzeug, Kosmetik und Entertainment sowie dem erfolgreichen Start von Top Fashion setzt das Unternehmen seinen Wachstumskurs konsequent fort. Im Gespräch erläutert Florian N. Lipp, Global Executive Vice President der Craze Group, welche Strategie hinter dem Erfolg steht, wie neue Marken entstehen und welche Ziele das Unternehmen für 2027 verfolgt.
das spielzeug: 2026 scheint für die Craze Group ein besonderes Jahr zu sein – mit internationalem Wachstum und dem erfolgreichen Marktstart von „Top Fashion“. Was macht dieses Jahr aus Ihrer Sicht zu einem Meilenstein für das Unternehmen?
Florian N. Lipp: 2026 zeigt sehr schön, wie sich unsere Strategie auszahlt. Inkee entwickelt sich hervorragend und mit Top Fashion haben wir eine Lücke zwischen klassischer Kinderkosmetik und Teen-Beauty geschlossen, die so bislang nicht besetzt war. Die ersten Abverkäufe sind sensationell. Gleichzeitig wachsen wir international und haben auch im Toy-Bereich mit Themen wie „Craze Minis Kawaii“ oder unseren neuen Compound-Konzepten wie z. B. „glime by Magic Slime" starke Impulse gesetzt. Für mich ist 2026 deshalb vor allem eines: die Bestätigung, dass wir mit unserer Strategie richtig liegen.
das spielzeug: Die Craze Group wächst seit Jahren kontinuierlich. Welche strategischen Entscheidungen haben diese Entwicklung maßgeblich geprägt? Und woran lässt sich dieses Wachstum konkret festmachen – beispielsweise bei Umsatz, Distribution, internationalen Märkten oder Produktkategorien?
Florian N. Lipp: Ich würde unser Wachstum auf drei Begriffe reduzieren: Fokus, Leidenschaft und Geschwindigkeit. Eine entscheidende Weichenstellung war der Schritt vom Pressehandel in den stationären Einzelhandel. Die zweite war der Aufbau neuer Kategorien: von Pocket-Money über Magic Slime, Magic Dough und Magic Sand bis zu Adventskalendern. Und schließlich der Schritt in die Kosmetik – zunächst über die Badebombe mit Spielzeugüberraschung und daraus folgend der konsequente Aufbau von Inkee. Heute wachsen Umsatz, Distribution, Kategorien und internationale Präsenz parallel. Wenn man solche Erfolge über Jahre in unterschiedlichen Kategorien wiederholen kann, ist es irgendwann kein Zufall mehr, sondern ein System.
das spielzeug: Viele Unternehmen konzentrieren sich auf eine Produktkategorie. Die Craze Group vereint Spielzeug, Kosmetik, Entertainment und starke Lizenzthemen unter einem Dach. Welche Strategie steckt hinter diesem breiten Markenportfolio und warum funktioniert dieses Modell so erfolgreich?
Florian N. Lipp: Von außen könnte es wie ein Bauchladen wirken, tatsächlich ist es eine sehr logische Entwicklung. Unsere DNA kommt aus dem Pocket-Money-Geschäft: schnell reagieren, Trends verstehen und Produkte schaffen, die sofort Aufmerksamkeit erzeugen. Daraus entstanden größere Toys und später Inkee, wo wir Toy- und Kosmetikkompetenz verbinden. Eine Inkee Überraschungsbadebombe enthält deshalb kein beliebiges zugekauftes Gadget, sondern ein hochwertiges Collectible aus eigener Produktentwicklung.
Entertainment ist der nächste logische Schritt. Heute reicht es nicht mehr, ein Produkt ins Regal zu stellen. Marken brauchen Emotion, Charaktere und Geschichten. Deshalb entwickeln wir mit Craze Entertainment Magazine, Storytelling, Musik und Bewegtbild. Wir denken nicht in einzelnen Produkten, sondern in Markenwelten.
das spielzeug: Wie identifiziert die Craze Group neue Marktchancen? Woran erkennen Sie, dass aus einer Produktidee das Potenzial für eine eigenständige Marke entsteht?
Florian N. Lipp: Man muss das Rad nicht immer neu erfinden – manchmal muss man Dinge nur neu miteinander verbinden. Dafür muss man beobachten. Ich bin jedes Jahr sehr viel international unterwegs und mache überall Storechecks. Egal ob Korea, China, USA oder einzelne Länder in Europa: Mich interessiert, was Menschen kaufen, welche Farben entstehen, welche Popkultur gerade relevant wird. Aus diesen Beobachtungen entstehen Moodboards und erste Produktideen. Danach kommen Markt- und Wettbewerbsdaten dazu. Am Ende ist es eine Mischung aus Analyse, Erfahrung und Bauchgefühl. Zahlen sind wichtig – aber sie können Ihnen keinen Trend garantieren.
das spielzeug: Top Fashion ist erst seit Juli 2026 am Markt und entwickelt sich bereits sehr dynamisch. Welche ersten Erkenntnisse aus dem Markt haben Sie besonders positiv überrascht?
Florian N. Lipp: Wenn man eine völlig neue Kategorie entwickelt, fehlen Vergleichswerte. Natürlich hatten wir intern Erwartungen und Favoriten. Besonders gefreut hat mich deshalb, dass Top Fashion nicht von einem einzigen Hero-Produkt getragen wird. Wir sehen über sehr unterschiedliche Produktgruppen hinweg hohe Abverkäufe. Das ist wie bei einer Prüfung: Wenn man gut gelernt hat, geht man selbstbewusst hinein. Aber die Eins unter der Arbeit zu sehen, fühlt sich trotzdem gut an. Die Geschwindigkeit, mit der einzelne Artikel ausverkauft waren, hat selbst meine hohen Erwartungen übertroffen.
das spielzeug: Viele Trends sind schnell wieder verschwunden. Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit sich Top Fashion langfristig als starke Marke etabliert?
Florian N. Lipp: Man muss zwischen Trend und Marke unterscheiden. Trends kommen und gehen. Eine Marke bleibt relevant, solange sie sich mit ihrer Zielgruppe weiterentwickelt. Genau aus der Beobachtung dieser Zielgruppe ist Top Fashion entstanden – und genauso werden wir die Marke weiterführen. Top Fashion ist kein kurzfristiger Launch einer Aktion. Wir haben die Entwicklung für mehrere Jahre konzipiert. Was heute im Regal steht, ist deshalb erst der Anfang.
das spielzeug: Der Handel steht heute vor großen Herausforderungen. Was erwarten Ihre Handelspartner von einem modernen Markenanbieter und wie unterstützt die Craze Group den Handel dabei, Produkte erfolgreich zu vermarkten und nachhaltig Abverkauf zu erzielen?
Florian N. Lipp: Am Anfang steht immer das Produkt. Es muss am Regal überzeugen, preislich funktionieren und beim Verbraucher halten, was es verspricht. Ein schlechtes Produkt können Sie mit keinem Social-Media-Budget dauerhaft erfolgreich machen.
Darauf bauen wir auf: mit Storytelling, Entertainment und aufmerksamkeitsstarken PoS-Konzepten, die dem Handel ermöglichen, ganze Markenwelten zu präsentieren. Entscheidend ist nicht der Sell-in, sondern nachhaltiger Sell-out. Nur wenn der Verbraucher wiederkommt, haben Handel und Hersteller gemeinsam gewonnen.
das spielzeug: Das Konsumverhalten verändert sich rasant, Trends entstehen und verschwinden in immer kürzeren Zyklen. Welche Entwicklungen werden die Spielwaren- und Lifestylebranche in den kommenden Jahren besonders prägen und wie bereitet sich die Craze Group darauf vor?
Florian N. Lipp: Trends werden heute globaler – und gleichzeitig schneller. Früher kamen viele Impulse über YouTube aus den USA, heute sehen wir über TikTok einen enormen Einfluss asiatischer Popkultur, von K-Pop bis K-Beauty. Morgen kann es wieder etwas anderes sein.
Darauf gibt es für mich nur eine Antwort: Geschwindigkeit. Wir müssen international beobachten, schneller bewerten und schneller entscheiden. Gleichzeitig automatisieren und digitalisieren wir Prozesse, die nicht zu unseren kreativen Kernaufgaben gehören. Denn unsere Zeit brauchen wir dort, wo sie Wert schafft: beim Produkt und beim Verbraucher.
das spielzeug: Die Craze Group ist bereits in mehreren europäischen Märkten vertreten. Wo sehen Sie für 2027 und darüber hinaus die größten Wachstumschancen – sowohl geografisch als auch in den verschiedenen Vertriebskanälen?
Florian N. Lipp: Europa bietet uns weiterhin enormes Potenzial. Deutschland diskutiert momentan sehr stark über Krise; in vielen anderen europäischen Märkten erlebe ich die Stimmung deutlich positiver. Deshalb sehen wir sowohl geografisch als auch in Toys und Cosmetics noch große Wachstumsmöglichkeiten. Ich sage immer: Auch in schwierigen Märkten wird weiter gekauft – nur selektiver. Das bedeutet, dass das bessere Produkt noch wichtiger wird. Und genau darin liegt für uns eine Chance.
das spielzeug: Mit jeder neuen Marke und jedem neuen Markt steigen auch die Anforderungen an Organisation und Prozesse. Wie gelingt es Ihnen, die Dynamik, Entscheidungsfreude und Machermentalität der Craze Group zu bewahren?
Florian N. Lipp: „The speed of the leader is the speed of the team.“ Wachstum darf nicht dazu führen, dass ein Unternehmen irgendwann hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist. Deshalb brauchen wir klare Verantwortlichkeiten, die richtigen Menschen an den richtigen Stellen und sehr digitale, schlanke Prozesse.
Ich höre mir in meinen Teams unterschiedliche Meinungen sehr genau an und lasse mich gerne überzeugen. Aber am Ende muss klar sein, wer entscheidet. Ein Unternehmen ist keine basisdemokratische Veranstaltung. Entscheidungen müssen getroffen werden – und zwar schnell. Diese Machermentalität muss Führung vorleben.
das spielzeug: Was motiviert Sie persönlich bis heute, neue Marken aufzubauen und internationale Märkte zu entwickeln? Und welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft der Craze Group und Ihres Teams?
Florian N. Lipp: Meine größte Angst wäre wahrscheinlich, morgens aufzuwachen und mich zu langweilen. Ich bin unglaublich neugierig. Andere Länder, Kulturen, Händler, Produkte und Ideen interessieren mich bis heute – und ich hoffe, dass das niemals aufhört.
Der schönste Gedanke ist aber ein anderer: Wir werden mit unseren Produkten Teil der Kindheitserinnerungen von Millionen Kindern. Ich erinnere mich heute noch an mein erstes Zauberhandtuch und mein ferngesteuertes Lieblingsauto. Ein Spielzeug steht vielleicht nur einige Jahre im Kinderzimmer, aber die Erinnerung daran kann ein ganzes Leben bleiben.
Wenn ich bei meinen Teams dieses Leuchten in den Augen sehe, wenn jemand für eine Idee brennt, weiß ich: Da entsteht etwas Gutes. Mein Wunsch ist deshalb, dass wir uns genau das bewahren – Neugier, Leidenschaft und den Mut, Dinge zu machen. Denn solange uns selbst neue Produkte begeistern, können wir auch andere begeistern.




