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16.04.14

Standorte im Wettbewerb

Unsere Handelslandschaft unterliegt einem gravierenden Wandel: Zunehmend geraten Mittel- und Kleinstädte unter Druck. Wie solche Tendenzen aufgehalten werden können, zeigt Oliver Ohm, Projektleiter im Bereich Standortforschung bei der BBE Handelsberatung in Hamburg.

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Ein vitales Zentrum ist ein Erfolgsgarant für den inhabergeführten Einzelhandel.

 

Stärker denn je zeigt sich, wie die Ortskerne unserer Mittel- und Kleinstädte oder auch die Nebenzentren in den großen Metropolen unter zunehmenden Wettbewerbsdruck leiden. Leerstände und Mindernutzungen sind häufig die sichtbare Folge – im schlimmsten Fall droht gar ein kompletter Funktionsverlust der historisch gewachsenen Zentren. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und können sicherlich nicht pauschal festgemacht werden. Das Fachmarktzentrum auf der Grünen Wiese, die Shoppingmall am Rande der Innenstadt und nicht zuletzt auch die Entwicklungen im digitalen Handel tragen zu einem anhaltenden Strukturwandel im Einzelhandel bei. Sicher ist dabei auch, dass die Verbraucher immer neue Konzepte nachfragen. Ungebrochen ist der Erfolg der großen Einkaufscenter. Verlierer sind vielerorts die kleinteiligen Facheinzelhändler.

Aber wie können solche Tendenzen aufgehalten oder zumindest relativiert werden? Welche Handhabe gibt es, die gewachsenen Ortsmitten wieder zu ertüchtigen? Haben die Nebenzentren überhaupt noch eine Chance? Zweifelsohne werden sich die großen Entwicklungstrends, wie sie sich in den vergangenen Jahren dargestellt haben, nicht einfach so revidieren lassen. Aber: Für einen Abgesang auf die Innenstadt und ihre historisch gewachsenen Marktplätze ist es viel zu früh. Einzelhändler zu sein bedeutet heute, sich im Rahmen der Möglichkeiten auch nach Geschäftsschluss für den eigenen Standort zu engagieren. Es gilt die Möglichkeiten, Zentren zu fördern und zu entwickeln, wahrzunehmen. Dabei ist nicht zuletzt auch die eigene Kreativität gefragt - mögliche Handlungsrahmen für die Mitgestaltung sind vielfältig. Wieland Sulzer, Geschäftsführer von «Spielwaren Sulzer», kann als erfahrener Fachhändler dies nur bestätigen. Mit zwei Filialen in Marburg und Bad Hersfeld, die zum einen auf der Grünen Wiese und zum anderen in einem Einkaufscenter angesiedelt sind, weiß er auch die Innenstadtlage zu schätzen: «Jedoch muss gerade der inhabergeführte Fachhandel das jeweils passende Konzept für seinen Standort nutzen, um Erfolg zu haben».

Politischen Handlungsrahmen nutzen

Viele Städte und Gemeinden erstellen sogenannte kommunale Einzelhandelsentwicklungs- oder Zentrenkonzepte. Derartige dienen dazu, die Entwicklungsleitlinien für den Einzelhandel festzulegen. Sie werden auf kommunaler Ebene erstellt und durch die Politik verabschiedet. In der Regel werden über die lokalen Werbevereine auch Vertreter aus der Händlerschaft an der Erstellung derartiger Konzepte beteiligt, etwa im Rahmen von Arbeitskreisen. In vielen Großstädten, so beispielsweise in Hamburg oder in Berlin, werden solche Konzepte zudem auf Bezirksebene fortgeschrieben und vertieft.

In den historisch gewachsenen Zentren werden die zentralen Versorgungsbereiche festgelegt. Das sind die Bereiche, in welchen sich der Einzelhandel zielgerichtet entwickeln soll. Besonders der sogenannte «großflächige Einzelhandel», also Betriebe mit einer Verkaufsfläche von mehr als 800 m², soll über das Instrument des kommunalen Zentrenkonzeptes gesteuert werden. Denn es gilt: Die großen Betriebe mit Innenstadt-prägenden Sortimenten, z.B. Bekleidung, Schuhe und Spielwaren sollen ausschließlich diesen zentralen Versorgungsbereichen vorbehalten sein. Sie stellen die Ankerbetriebe dar und tragen zur entsprechenden Kundenfrequenz bei – und davon profitieren im Zentrum letztlich alle. Die zentralen Versorgungsbereiche werden sogar grundstücksscharf abgegrenzt. Der tiefere Sinn dahinter: Der Gesetzgeber gibt den Kommunen die Möglichkeit, diese über ein Zentrenkonzept definierten Bereiche im Rahmen der Bauleitplanung zielgerecht zu überplanen. So kann der Einzelhandel mitunter komplett ausgeschlossen werden, wenn es sich um einen Standort handelt, der außerhalb eines gewachsenen Zentrums liegt.

Standortkonzepte mit entwickeln

Auch über die Mittel der Städtebauförderung kann Einfluss auf die Entwicklung der innerstädtischen Handelsplätze genommen werden. Natürlich steht dabei zunächst der öffentliche Raum im Fokus. Ein neuer Straßenbelag, eine modernere Möblierung des öffentlichen Raumes, eine neue Gestaltung des Marktplatzes – all das sind Optionen, die nach erfolgter Umsetzung den Rahmen für ein vitales Zentrum bieten. Oft wird dabei bereits in der Planungsphase die Möglichkeit gegeben, mit zu gestalten, etwa in Workshops oder öffentlichen Werkstattgesprächen. Wichtig ist es gerade auch für die ansässigen Gewerbetreibenden, sich möglichst frühzeitig zu beteiligen und einzubringen. Flankiert werden diese Maßnahmen in vielen Fällen zudem durch ein professionelles Quartiers- oder Geschäftsstraßenmanagement. Hier werden alle Aktivitäten gebündelt, oft laufen solche geförderten Prozesse über viele Jahre. Und im Idealfall führen sich diese über den Förderzeitraum hinaus fort.

Revitalisierung gefragt

Die großen Shoppingcenter machen es vor: Professionelles Centermanagement ist der Erfolgsfaktor für das funktionierende Einkaufszentrum. Natürlich ist das nicht eins zu eins auf ein ganzes Stadtquartier übertragbar, aber der Ansatz ist dennoch der Gleiche. Das Geschäftsstraßenmanagement fungiert als zentrale Anlaufstelle. Dabei geht es für den Einzelhandel vor allem um ein zielgerichtetes Standortmarketing, welches von den Akteuren vor Ort getragen und stetig weiterentwickelt wird. Ein Gremium zum regelmäßigen Austausch, z.B. in Form eines Runden Tisches der Gewerbetreibenden, stellt dabei die wichtigste Kommunikationsplattform dar. Dort werden dann auch konkrete Maßnahmen entwickelt und auf den Weg gebracht: Die Entwicklung einer gemeinsamen Dachmarke etwa, unter welcher sich alle Akteure am Standort wiederfinden und die für weitergehende Marketingmaßnahmen verwendet wird, oder die Erstellung eines lokalen Einkaufsführers in Faltblattform. Grundlage sowohl für die Erstellung kommunaler Zentrenkonzepte als auch für die weitergehende Arbeit im Rahmen eines qualifizierten Quartiers- oder Geschäftstraßenmanagements, stellt in der Regel eine tiefgreifende Markt- und Standortanalyse dar, die häufig in einem professionellen Gewerbeflächen- bzw. Leerstandskataster mündet. Denn nur wenn auch klar ist, wo die Stärken und Schwächen eines Standortes liegen, welche Angebote fehlen und wie viele Menschen im Einzugsgebiet leben, können auch zielgerichtet Maßnahmen auf den Weg gebracht werden.

Im zweiten Teil unserer Handelsserie zeigt Dörte Nitt-Drießelmann vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) auf, welche Chancen der Einzelhandel an zukunftssicheren Standorten hat.

Oliver Ohm ist Projektleiter im Bereich Standortforschung bei der BBE Handelsberatung in Hamburg. Dabei erarbeitet er u.a. bundesweit kommunale Einzelhandels- und Zentrenkonzepte und berät Städte und Gemeinden in Einzelhandelsfragen. Dabei geht es sowohl um grundlegende konzeptionelle Fragen der Standortpolitik, wie auch um bau- und planungsrechtliche Fragen bei Ansiedlungsvorhaben des großflächigen Einzelhandels.