02.02.26 – Interview zu lasergestützten Passantenmessungen
„In die Innenstädte wird weiterhin viel Geld getragen“
Leerstände, Frequenzverluste, verändertes Konsumverhalten: Sind die deutschen Innenstädte auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit? „Nein“, sagt Julian Aengenvoort, Geschäftsführer der hystreet.com GmbH. Welches Bild aktuelle, lasergestützte Passantenmessungen zeichnen, erläutert der Experte im Interview mit das spielzeug.
das spielzeug: Ihre lasergestützten Passantenmessungen zeigen, dass die Besucherfrequenz in deutschen Innenstädten seit 2023 nahezu stabil geblieben ist – mit nur +/- 2 % im Jahresvergleich. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung vom „Sterben der City“ und Ihren Messdaten?
Julian Aengenvoort: Schlechte Nachrichten verkaufen sich erfahrungsgemäß besser – positive Entwicklungen gehen in der öffentlichen Wahrnehmung oft unter. Der Trend zum Online-Handel ist zwar seit Jahren konstant, aber trotz allem wird weiterhin viel Geld in die Innenstädte getragen. Das wird häufig vergessen! Unsere Messungen zeigen klar: Die Besucherfrequenz in den deutschen Innenstädten ist seit 2023 nahezu stabil geblieben.
Wichtig ist dabei: Wir messen ausschließlich Frequenzen. Wir hören aus dem Einzelhandel zunehmend, dass die Herausforderungen stark gestiegen sind – höhere Kosten, Fachkräftemangel und die Schwierigkeit, KundInnen im Laden den richtigen Service zu bieten und so vom Kauf zu überzeugen. Aber unsere Zahlen zeigen Händlerinnen und Händlern, wie hoch das Potenzial vor der Tür des eigenen Geschäfts ist. Wer das besser versteht und den Zusammenhang zwischen Frequenz in der Stadt und Frequenz im Laden kennt und daraufhin bei Marketing und Wareneinsatz optimiert, kann viel gewinnen.
das spielzeug: Sie betonen, dass erfolgreiche Innenstädte ein aktives Akteursnetzwerk haben, das in Aufenthaltsqualität, Mobilität, Events und Erlebnis investiert. Können Sie konkrete Beispiele nennen, wo sich solche Investitionen messbar in den Frequenzdaten niedergeschlagen haben?
Julian Aengenvoort: Ein gutes Beispiel ist Hanau: Dort wird – politisch breit unterstützt – stark in die Innenstadt investiert. Ein aktives Stadtmarketing erzählt positive Geschichten konsequent weiter, der Veranstaltungskalender ist voll und abwechslungsreich, und es gibt immer neue Anlässe, in die Stadt zu kommen. 2024 konnten so fast 5 % mehr Menschen in die Innenstadt gelockt werden als im Vorjahr. Die Stadt hat den ehemaligen Kaufhof selbst erworben und baut ihn um zum heutigen ‚Stadthof‘. Hier zeigt sich die mögliche Vielfalt einer umgenutzten Großimmobilie: Popup-Fläche für lokale Händler, vielfältiger Veranstaltungsort und Ausstellungsfläche (z. B. Körperwelten, Banksy). Das beweist: Auch kleinere Städte können glänzen.
Ähnlich positive Entwicklungen sehen wir in Kiel, Warendorf oder Eutin – überall dort, wo Citymanagement mit neuen Ansätzen und Ideen arbeitet, steigen die Frequenzen Jahr für Jahr wieder leicht an. Menschen sind soziale und neugierige Wesen; Erlebnisse locken sie in die Innenstädte. Ein weiteres Beispiel ist die Kölner Ehrenstraße: Durch den Umbau zur Fußgängerzone konnten Frequenz, Angebotsvielfalt und das Image der Straße deutlich gesteigert werden – die Frequenz sogar um rund 30 %.
das spielzeug: Großveranstaltungen wie die Fußball-EM oder Konzertwochenenden haben die Frequenzen in Großstädten nach oben gezogen. Welche Bedeutung haben solche Events für den stationären Einzelhandel – und wie nachhaltig wirken diese Effekte?
Julian Aengenvoort: Großveranstaltungen wirken in erster Linie punktuell – sie ziehen zusätzliches Publikum an, insbesondere TouristInnen und Menschen aus dem weiteren Umland. Nachhaltig wird der Effekt aber erst, wenn eine echte Verbindung zwischen Event und Innenstadt geschaffen wird. Ein gutes Beispiel ist die Gamescom in Köln, die mit dem parallel stattfindenden Gamescom City Festival direkt in die City hineinwirkt.
Solche Events sorgen für erhöhte mediale Sichtbarkeit und stärken das Image einer Stadt als attraktiver Eventstandort. Mehr BesucherInnen und Übernachtungen führen zu höheren Umsätzen in Hotellerie, Gastronomie und in ausgewählten Einzelhandelssegmenten. Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Innenstädte wird sein, wie gut es gelingt, Events, Handel, Gastronomie, Kultur und Freizeitangebote zu einem überzeugenden Gesamtpaket zu verknüpfen – und damit die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft zu adressieren.
Das vollständige Interview lesen Sie in der das spielzeug-Ausgabe 2/2026, die Sie hier bestellen können.




